Das Phänomen Apistogramma – Teil 1: Von der Auswahl im Handel bis zum heimischen Biotop

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Warum ziehen sich Zwergbuntbarsche (Apistogramma) in flache Tümpel und Laubschichten zurück? Und was verrät uns die „sensible Phase“ der Jungfisch-Entwicklung über ihre Intelligenz? Dieser Artikel verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse über Ethologie und Wasserparameter mit praktischen Tipps für die Heimaquaristik. Erfahren Sie, wie Sie im Aquarium geeignetes Wasser simulieren, warum Torf nur ein vorübergehender Verbündeter ist und wie Sie eine Umgebung schaffen, in der sich diese scheuen Fische wie in ihrer Heimat Südamerika fühlen.

Zwergbuntbarsche der Gattung Apistogramma

Zwergbuntbarsche der Gattung Apistogramma sind bei Aquarianern in Deutschland seit vielen Jahren sehr beliebt. Viele Aquarianer erleben mit ihnen ihre ersten Schritte in der Zucht. In das Gesellschaftsbecken bringen die Arten mit ihrem Verhalten einige Abwechslung. Die Artenzahl ist in den letzten Jahrzehnten explosionsartig gestiegen. Auch das Wissen der Aquarianer um diese Zwergcichliden hat stark zugenommen.

Bereits 1977 wurde die erste Apistogramma-Arbeitsgruppe in den USA von Mark McMaster vorgestellt. Sie versahen die unbekannten Arten mit dem Zusatz „Apistogramma Study Group“ (ASG) und einer Nummer.

Der Zoohandel hat sich mit seinem Angebot auf dieses Interesse an der Gattung eingestellt und bietet regelmäßig ein gewisses Spektrum an Arten an. Deshalb will ich im Beitrag einige dieser Arten vorstellen und auf ihre zum Teil doch unterschiedlichen Ansprüche und Bedürfnisse eingehen. Leider weiß ich nicht, welche Rolle die Gattung in den Aquarien unserer tschechischen Freunde spielt. Aber ich bin sicher: Interesse ist sicherlich vorhanden.

Der Einkaufsbummel: Augen auf beim Fischkauf

Wohl für jeden Aquarianer ist der Gang im Zoogeschäft von Becken zu Becken ein spannender Moment. Hat man nach einer scheinbar endlosen Reihe von Becken mit Zuchtformen von Guppy und Platys endlich die Aquarien mit den Zwergcichliden erreicht, juckt es vielleicht gleich in den Fingern. Die oder jene prächtige Art möchte man am liebsten sofort kaufen.

Doch vor dem vielleicht spontanen Kauf sind einige Dinge zu überlegen.

  • Passt die Art überhaupt zu den Insassen meines Aquariums?
  • Würden ihnen Rabauken das Leben schwer machen oder würden die Reviere für weitere Zukäufe nicht ausreichen?

Bei Apistogramma-Arten ist zudem sehr eingehend zu prüfen, ob unter den angebotenen Tieren überhaupt beide Geschlechter vorhanden sind, wenn ich an Nachwuchs denke. Natürlich findet sich häufig mindestens ein prächtiges Männchen unter den Fischen im Verkaufsbecken. Da wäre zunächst zu bedenken, dass prächtig auch in den meisten Fällen mit alt gleichzusetzen ist. In diesem Fall heißt das, seine Absichten zu prüfen.

Wenn ein für die Zucht geeignetes Aquarium zur Verfügung steht, kann auch ein älteres Tier für die Nachzucht genutzt werden. Ansonsten wäre eher ein weniger gut entwickeltes jüngeres Männchen zu wählen.

Dann steht aber die weit schwierigere Auswahl eines Weibchens an. Leider treffen wir teilweise Verkaufsbecken an, in denen nur noch Männchen schwimmen, eines toll entwickelt und dann einige, die eher Weibchen gleichen, weil sie sich damit vor der Aggression dieses Männchens tarnen. Hier hilft es, genau hinzusehen und sich bestimmte Fische herausfangen zu lassen. Die Weibchen einiger Arten sind an einer schwarzen Zeichnung im vorderen Bereich der Brustflosse zu erkennen. Leider trifft dies nur auf einen Teil der Arten zu, so dass die Auswahl mit Bedacht getroffen werden muss.

Natürlich wollen wir gesunde Fische kaufen und die Zoogeschäfte sind auch bemüht, ihre angebotenen Pfleglinge gesund zu halten. Doch gerade der Verdauungstrakt der Apistogramma ist sehr empfindlich. Von Natur aus sind es Kleintierfresser.

Nicht wenige Arten werden über die Zeit für die Aufnahme von Trockenfutter konditioniert. Dies stellt eine erhebliche Belastung des Verdauungstrakts dar. Aber auch mit anderer Nahrung können die Apistogramma plötzlich Probleme bekommen und zeigen dies mit einem weißlichen Kotfaden. Ein Kauf ist dann nicht anzuraten, wie es natürlich auch für alle anderen Hinweise auf eine Erkrankung gilt, wie Flossenklemmen, -trübung usw.

Die Wasserhärte und die Temperatur des eigenen Beckens sollten den ersehnten Neuerwerbungen passen.

Willkommen daheim: Die Eingewöhnung

Damit die Neuerwerbungen unkompliziert in das eigene Aquarium gesetzt werden können, ist es hilfreich, die Verkäuferin nach den Wasserwerten im Verkaufsbecken zu fragen. Sonst würde ich anregen, die Werte selbst zu messen. Zuhause setze ich die Fische immer in ein kleines Becken und lasse mit einem dünnen Schlauch Wasser vom Pflegebecken in dieses kleine Aquarium tropfen. Die gewählte Geschwindigkeit richtet sich nach den Abweichungen der Wasserparameter im Zoogeschäft. Ich stelle sie mit einem kleinen Gardena-Hahn präzise ein.

Dabei beobachte ich die Fische von Zeit zu Zeit. Wenn sie einigermaßen ruhig atmen, setze ich sie dann unverzüglich ins große Aquarium.

Einrichtung und Biotope

Die erforderliche Beckengröße richtet sich nach Art und Anzahl. Ich pflege meine Arten in der Regel in Artbecken von knapp 60 Litern.

Dabei beobachte ich die Fische regelmäßig. Sollten sich die Tiere zu sehr in den Flossen beschädigen oder einige Tiere nicht ans Futter kommen, greife ich ein und trenne sie.

Von vornherein ist es wichtig, mehrere Deckungen anzubieten. Der geringeren Körpergröße ist es geschuldet, dass die Apistogramma in ihrem natürlichen Vorkommen durch Räuber bedroht sind. Deshalb suchen sie Biotope auf, die ausreichende Versteckplätze und Rückzugsmöglichkeiten bieten. Die Arten haben sich deshalb aus den großen Flüssen in kleine Bäche und Teiche zurückgezogen. Hier leben sie im flacheren Wasser und – soweit vorhanden – in dichten Pflanzenbeständen, wie wir sie in Paraguay beim Fang von Apistogramma borellii angetroffen haben.

Deckung bieten auch die Basisbereiche über Wasser wachsender Pflanzen oder ins Wasser reichende Gräser. Häufig halten sich diese kleinen Fische in Falllaubansammlungen und zwischen Wurzeln auf, die natürlich gleichzeitig das Wasser ansäuern.  Zu Apistogramma nijsseni habe ich ein solches Biotop etwas näher beschrieben.

Fortpflanzung: Versteck- statt Höhlenbrüter

In der Aquaristik hat es sich eingebürgert, diesen Fische Höhlen als Deckung und Rückzugsgebiet anzubieten, auch wenn sie Pflanzenbestände oder z. B. Wurzeln in gleicher Weise nutzen. Weil alle Apistogramma-Arten ihre Eier meist an Plätzen unterhalb eines Verstecks ablegen, wobei die Weibchen sich zur Eiablage auf den Rücken drehen, werden diese Unterstände auch für die Fortpflanzung genutzt. Deshalb werden diese Tiere manchmal als Höhlenbrüter bezeichnet, obwohl Versteckbrüter das Verhalten viel eher trifft.

Mit erheblichem Aufwand untersuchte Lorenzen (1998) die Nachfolgereaktion junger Apistogramma borellii mit Blick auf den „angeborenen auslösenden Mechanismus“(AAM). Die zeitliche Abgrenzung des Zeitraums etwa am 6. Freischwimmtag, an dem sich die anfängliche Jungfisch-Jungfisch-Bindung  zugunsten einer Mutterbindung verlagert, ist mir in der Praxis noch nie aufgefallen. Und dass die Handlungsbereitschaft in diese Mutterbindung nur bis etwa zum 43. Tag des Freischwimmens gegeben ist, wenn sie in einer „sensiblen Phase“ (18. Freischwimmtag) erstmalig ausgelöst wurde, gibt Hinweise für Aquarienbeobachtungen und für Vergleiche mit anderen Arten (Ott, 2023).

Wasserparameter: Die "Amazonas-Formel"

Eine große Zahl der in unseren Aquarien schwimmenden Apistogramma-Arten wird in Amazonien gefunden. Die Definition dieses Gebietes schwankt etwas je nach Autor. Im Wesentlichen kann dieses Gebiet als Einzug des Amazonas beschrieben werden. Hier wird aufgrund der reichlichen Niederschläge überwiegend ein Wasser gefunden, das destilliertem Wasser sehr ähnelt.

  • Der pH-Wert liegt hier stets im sauren Bereich und kann insoweit aus Sicht des Aquarianers extreme Werte erreichen.
  • Die Durchschnittstemperatur des Wassers der in Amazonien untersuchten Seen liegt bei 28,6°C.

Allerdings gibt es eingestreute Gebiete, die in jeder Hinsicht deutlich abweichende Werte aufweisen können. Aus den Osthängen der Anden fließen zudem Gewässer, die deutlich härteres Wasser bei einem alkalischen pH-Wert mit sich führen können. Auch darüber hinaus bestehenden Fundgebiete weisen recht unterschiedliche Wasserparameter auf. Es lohnt sich deshalb für den Pfleger von Apistogramma-Arten, sich in jedem Einzelfall näher zu informieren.

Tipps für die Pflege zuhause

Allgemein gilt, dass die Arten trotz dieser extremen Wasserwerte in ihren Vorkommensgebieten in der Regel problemlos in härterem Wasser gepflegt werden können. Ich habe insoweit wenig Probleme, weil mein Leitungswasser mit 5,5 dGH für viele Arten verwendet werden kann. Ich muss es lediglich mit Salzsäure von einem alkalischen pH-Wert um 8 in den sauren Bereich bringen. Verschiedene Autoren nennen als Grenze Werte von 6 bis 10 dGH.

Für die Zucht benötigen wir dann auf jeden Fall weiches Wasser und dann stellt sich die Frage, wie wir dies bewerkstelligen. Wie so oft, führen viele Wege nach Rom. Zuverlässig lässt sich mit Ionenaustauschern oder Osmoseanlagen geeignetes Wasser erzeugen. In manchen Gebieten Deutschlands kann auch zu Regenwasser gegriffen werden.

Wie ich selbst erfahren musste, hilft Torf nur zeitweise. Es gelingt z. B. über eine Torffilterung, die Härte und den pH-Wert in Grenzen zu drücken. Aber nach nicht allzu langer Zeit lässt die Wirkung des Torfs nach und der Torf muss erneuert werden, um die Wirkung beizubehalten, sonst kehrt sie sich um.

Häufig werden Durchlüfter und verschiedene Filter empfohlen, um das Wasser zu reinigen und den Sauerstoffgehalt zu erhöhen. Nach meinem Empfinden kommt es insoweit sehr auf den Besatz an. Bei stärkerem Besatz sind diese Hilfen natürlich erforderlich. In meinen mit einer geringen Fischzahl besetzten Artbecken komme ich ohne Technik aus.

Aufgrund ihres weitgehend ruhigen Verhaltens können Apistogramma gut mit friedlichen Fischarten wie Salmlern, Panzerwelsen oder Saugwelsen zusammen gehalten werden. Die Arten erreichen etwa ein Alter von zwei bis drei Jahren, weshalb ich grundsätzlich den Kauf jüngerer Tiere für sinnvoll halte.

 

Die nächste Ausgabe erscheint am Mittwoch, dem 25. März 2026. Darin werden wir uns unter anderem mit bewährten Arten der Gattung Apistogramma befassen.

 

Literatur:

  • Amlacher, E. (1958): Zierfischkrankheiten. 3. Fortsetzung. II. Spezieller Teil (die einzelnen Fischkrankheiten). – AT 5(10): Oktober: 292–296.
  • Bone, Q. & Marshall, N. B. (1985): Biologie der Fische. Fischer, Stuttgart, New York. 236 Seiten.
  • Bremer, H. (1993): Wasser und Futter. Zwei tragende Säulen der Cichlidenpflege. – Buntbarsch-Jahrbuch: 86–95.
  • Bremer, H. (1997): Aquarienfische gesund ernähren. – Verlag Eugen Ulmer GmbH & Co., Stuttgart. 191 Seiten.
  • Fiedler, K. (1991): Fische. In: Starck, D. (Hrsg.): Lehrbuch der Speziellen Zoologie. Band II: Wirbeltiere. Teil 2: Fische. Gustav Fischer Verlag, Jena. 498 Seiten.
  • Hättich, F. & Römer, U. (2018): Apistogramma sp. „Rautenband“ – Ein aquaristisch neuer Zwergbuntbarsch aus dem Einzug des Rio Vaupés. – DCG-Informationen 49 (2): 32–41.
  • Kullander, S. O. (1989): Biotoecus Eigenmann and Kennedy (Teleostei: Cichlidae): description of a new species from the Orinoco Basin and revised generic diagnosis. – Journal of Natural History, 23: 225–260 (nicht gesehen).
  • Linke, H. & Staeck, W. (1984): Amerikanische Cichliden I. Kleine Buntbarsche. – Tetra Verlag, Melle. 194 Seiten.
  • Lüling, K. H. (1977): Die Knochenzünglerfische. – A. Ziemsen Verlag. 104 Seiten.
  • McMaster, M. (1977): On the hobby species of Apistogramma. – Buntbarsche Bulletin (60): 3–10.
  • Ott, D. (1966): Apistogramma taeniatum. – DATZ 19(2): 7–9.
  • Ott, D. (2023): Rund um den tanzenden sogenannten Gelben Zwergbuntbarsch, Apistogramma borellii (Regan, 1906). – DCG-I 54(2): 30–35.
  • Römer, U. (1998): Cichliden Atlas: Naturgeschichte der Zwergbuntbarsche Südamerikas. Band 1. – Mergus Verlag GmbH, Melle. 1311 Seiten.
  • Staeck, W. (2003): Südamerikanische Zwergbuntbarsche. Cichliden-Lexikon, Teil 3. – Dähne Verlag GmbH, Ettlingen. 219 Seiten.
  • Ziemek, H.-P. (2011): Interstitialfauna und -flora. Sand und Kies … lecker! – DATZ 64(8): 31–33.
Veröffentlicht: 19. März 2026
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