Die tschechische Aquaristikschule gehörte immer zur weltweiten Spitze. Ihr Erfolg beruhte jedoch in der Vergangenheit nicht auf akademischen Titeln, sondern auf unglaublicher Geduld, präziser Beobachtung und der Intuition von Menschen, die aus ganz anderen Berufen zu den Fischen kamen. In der neuesten Folge unserer Serie werfen wir einen Blick in die Geschichte, in der die Zuchtmethoden persönlich überliefert wurden und in der wissenschaftliches Latein der einzige Weg war, um mit der Welt zu kommunizieren.
Herzblatt als lebenslange Leidenschaft
Jeder große Züchter hat sein aquaristisches „Herzblatt“. Für Slavek Boudný war es Trichogaster (heute Trichopodus). Für Zdeněk Dočekal ist es genau der rote Neonfisch, dessen erste erfolgreiche Zucht in Zeiten ohne Internet und Mobiltelefone für den angehenden Aquarianer einen grundlegenden Wendepunkt bedeutete. In einer Zeit, in der es keine sofortige Hilfe in Diskussionsforen gab, reiste man persönlich – beispielsweise mit dem Motorrad, damit ein erfahrener Kollege bei der Geschlechtsbestimmung des Zuchtpaares helfen konnte. Diese ersten Erfolge bei anspruchsvollen Arten läuteten oft eine lebenslange Laufbahn ein, die bis zum professionellen Export und internationalem Ansehen führte.
Lektionen der Widerstandsfähigkeit: Gattung Pseudosphromenus
In der Diskussion über moderne Aquaristik wird oft seufzend angemerkt, dass Anfänger von empfindlichen Arten abgeschreckt werden. Slavek Boudný erwähnt daher seine Erfahrungen mit den Arten Pseudosphromenus cupanus und Pseudosphromenus dayi. Sie sind ideale „Startfische“. Eine faszinierende Geschichte aus der Züchterpraxis belegt ihre unglaubliche Widerstandsfähigkeit: Eine Gruppe dieser Fische konnte in einem vergessenen und vernachlässigten Aquarium voller verrottender Pflanzen und Schlamm mehrere Wochen überleben. Sie überlebten nicht nur, sondern konnten sich unter diesen rauen Bedingungen auch ohne Pflege selbst vermehren.
Solche Arten – die in der Lage sind, Fehler von Anfängern zu überstehen und sie mit eigener Nachzucht zu belohnen – sind der Schlüssel zur Aufzucht einer neuen Generation von Aquarianern.
Lateinische Nomenklatur und Verweis auf MVDr. František Csefay
Eines der herausragenden Themen des Gesprächs ist die Bedeutung der lateinischen Nomenklatur. Wie die herausragende Persönlichkeit der tschechoslowakischen Aquaristik, MVDr. František Csefay, betonte:
Latein ist kein Ausdruck von Snobismus, sondern die einzige präzise wissenschaftliche Sprache.
Volkstümliche Namen können irreführend sein oder den Fisch sogar abwerten, wie das Beispiel des in lateinischer Sprache edel benannten Trichogaster labiosus zeigt. In tschechischen Übersetzungen wird der Fisch scheinbar abgewertet mit "Zwergfadenfisch". Im tschechischen Namen erhält der Fisch so ein wenig kümmerliches Attribut. Auf Deutsch ist das dann Dicklippige Fadenfisch, was auch nicht so schön klingt.
Csefay, Tierarzt, brachte ethologische Beobachtungen und physiologische Analysen in die tschechische Aquaristik ein. Seine Erkenntnisse über die Ernährungs-Spezialisierung, gestützt durch Sektionen und Studien über die Länge der Därme bei afrikanischen Cichliden, sind bis heute eine gültige Warnung vor ungeeigneter Nahrung, die diesen Fischen unwiderruflich schadet.
Vom Arbeiter zum Ruhm
Ein spezifisches Merkmal der tschechischen Aquaristik ist ihr Ursprung in verschiedenen Berufen. Persönlichkeiten, die die Geschichte dieses Fachgebiets prägten, waren oft aus Handwerksberufen: Josef Bradler – Elektriker, Josef Ešpander – Zuckerbäcker und gleichzeitig Pionier vieler Zuchtbereiche.
Dreher und Handwerker, die selbst unter bescheidenen Bedingungen und mit minimaler Ausstattung in der Lage waren, Arten zu züchten, die in der Welt als problematisch galten.
Zdeněk vergleicht in einem Gespräch die Beziehung der Aquarianer zu Fischen mit Schauspielern, die niemals Schauspiel studiert haben, aber im Schauspiel glänzen, oder mit Zigeunermusikern:
sie müssen keine Noten kennen oder (bei Aquarianern) eine Ausbildung haben, aber sie haben es im Herzen und in der Seele.
Abschluss
Aquaristik sind nicht nur Fische und Technik: es sind vor allem Menschen und ihre Geschichten. Der gegenwärtige Trend der „Internet-Aquarianer“, die ihr Wissen aus anonymen Diskussionen schöpfen, vermisst oft die Tiefe persönlicher Erfahrung und geduldiger Beobachtung. Das Erbe einer Generation, die dieses Hobby auf ehrlichem Handwerk und gegenseitigem Respekt aufbaute, sollte als Inspiration für alle bewahrt werden, die wirklich die Welt unter der Oberfläche verstehen wollen.
Slavek Boudný erwähnt seinen Plan, ein Buch mit dem Arbeitstitel „Das ist unser Hobby“ zu schreiben, das genau über diese Menschen und ihre Geschichten handeln soll.
Das gesamte Gespräch auf YouTube (bitte wählen Sie die richtige Untertitel):
